Er hämmert, pocht, rauscht, summt, pfeift, knattert oder klingelt, kaum ein Geräusch das nicht in seinem Repertoire enthalten ist. Sein Name ist lateinischen Ursprungs, immer mehr Menschen lernen ihn leider kennen: Tinnitus.

Unter »Tinnitus« verstehen wir alle Arten von Ohr- und Kopfgeräuschen. Leider haben die Ärzte nur selten eine Chance, die Ursache zu bestimmen und mit Hilfe der Medizin dafür zu sorgen, dass diese Geräusche verschwinden. Eine bittere Nachricht. Denn sie bedeutet, dass die Tinnitus-Betroffenen sich daran gewöhnen müssen, dass in ihrem Kopf ständig ein störendes Geräusch vorhanden ist.

Im Gesundheitswesen gilt Tinnitus nicht als Krankheit, sondern als Funktionsstörung. Die 1999 von der Deutschen Tinnitus-Liga durchgeführte epidemiologische Tinnitus-Studie ergab: knapp 4% der Bevölkerung haben Ohrgeräusche. Bereits jeder 4. Mitbürger über 10 Jahre hat schon Bekanntschaft damit gemacht. Über 80% der Betroffenen haben wegen Ohrgeräuschen sogar Hilfe beim Arzt gesucht, etwa die Hälfte davon regelmässig. Bei etwa der Hälfte der Betroffenen ist das Klopfen, Klingen und Rauschen im Ohr so stark und so stetig, dass sie kein uneingeschränktes Leben mehr führen können - sie sind »Tinnitus-krank«.

Wenn diese Tinnitus-Kranken ihre Empfindungen schildern und die Symptome beschreiben, stellen wir schnell fest, es gibt kein einheitliches Krankheitsbild: Die Geräusche können einem Pfeifton entsprechen, einem Knattern, Summen, Brausen Pochen oder einem Brummen. Der Tinnitus kann aus mehreren Geräuschen oder Tönen zusammengesetzt sein, kann immer mit gleicher Stärke klingen oder sich verändern. Bei einigen entspricht er einem Dauerton, bei anderen Betroffenen taucht er nur von Zeit zu Zeit auf. Er kann sogar rhythmisch wie eine Maschine pulsieren oder den eigenen Puls hörbar machen.

Im Vergleich zu anderen Krankheiten scheint dies alles nicht schlimm zu sein. Doch das täuscht. Das Geheimnis und die Gefahren von Tinnitus liegen nicht darin, was er ist, sondern wie er sich auswirkt: Er zehrt an den Nerven, quält und zermürbt. In dieser Beziehung kann Tinnitus mit weitaus bedrohlicheren Krankheiten problemlos mithalten.

Andere Menschen und Angehörige merken nichts von diesem Pfeifen, Rauschen oder Summen, ausser den Betroffenen. Die leiden unter dieser für andere unauffälligen Tyrannei allerdings um so schlimmer. Denn die Geräusche umfassen ja nicht das ganze Problem: Wer von Tinnitus geplagt ist, fürchtet häufig, dass dieser nur ein Symptom darstellt für ein drohendes schlimmeres Unheil.

Die Angst vor weiteren gesundheitlichen Schäden ist aus medizinischer Sicht zwar unbegründet, belastet aber Menschen mit Tinnitus sehr stark und lässt sie in eine eigene Gedankenwelt abtauchen, die von Sorge und Furcht gekennzeichnet ist und zu immer grösserer Einsamkeit und eigener Ausgrenzung führt. Ihre Gedanken fragen: warum Ärzten glauben, wenn die doch nicht helfen oder heilen können?

Häufig hören Betroffene den Rat: Sie müssen lernen, mit Ihrem Tinnitus zu leben! Sicherlich ein gut gemeinter Rat, den Ärzte und Therapeuten da geben, doch er hilft kaum etwas.

Was ist das für ein Leben mit diesen ständigen Geräuschen im Ohr, für die es keinen Ausschalter gibt? Welche Qualen mit diesen ständigen nervenden Tönen, die tagsüber zwar von vielen durch den allgemeinen Lärm gut zu ignorieren sind, dafür abends mit doppelter Wucht zurückkehren? Bei etwa der Hälfte aller Betroffenen verursacht der Alltagslärm aber auch zusätzliche Beschwerden, sie leiden unter Hyperakusis – Geräuschüberempfindlichkeit.

Die Art und Weise wie der Tinnitus empfunden wird ist so vielfältig wie sein Erscheinungsbild. Entscheidend ist immer, welche Wertigkeit der Tinnitus-Betroffene seinen Ohrgeräuschen gibt. Es sind psychische, soziale oder körperliche Probleme, die als Verstärker für den Tinnitus gelten.

Diese Probleme fördern das bewusste Wahrnehmen des Tinnitus und führen dazu, dass er als störend laut empfunden wird. So können Betroffene mit geringer Lautstärke des Tinnitus diesen als sehr störend oder lästig empfinden und andere, mit weit höherer Lautstärke damit "gut" zurecht kommen.

Demnach ist es nicht der Tinnitus selbst, der dafür verantwortlich ist, wie schwer jemand unter ihm leidet. Jeder Betroffene hat es selbst in der Hand, welche Bedeutung er seinem Tinnitus beimisst. Es ist also für jeden einzelnen wichtig, sich Gedanken darüber zu machen, welchen Stellenwert der Tinnitus in seinem Leben ausüben darf, welche Bedeutung er hat. Der Tinnitus fordert auf, den Lebensstil zu überdenken und zum positiven hin zu verändern.

Diese Veränderungen sind nicht einfach zu bewerkstelligen, es erfordert viel Mut neu gewonnene Erkenntnisse in die Tat umzusetzen. Dabei nicht auf sich allein gestellt zu sein ist sehr wichtig.

Ärzte und Therapeuten leisten hier wirksame Hilfe. Aber auch die Selbsthilfegruppen können durch Gespräche mit Gleichgesinnten und auch Betroffenen unterstützend wirken.

Wenn auch die medizinischen Möglichkeiten zur Zeit noch wenig Grund zur Hoffnung bieten, es gibt keinen Grund den Kopf in den Sand zu stecken. Wenn Tinnitus-Kranke auch mit ihrem Tinnitus leben müssen bedeutet dies nicht, sich den Belastungen des Tinnitus in Büssermanier ergeben und duldend hinzugeben.

Sie können lernen, mit Ihrem Tinnitus zu leben. Wie, das erfahren Sie unter anderem von Ihrem Arzt, der Deutschen Tinnitus -Liga und auch in einer Selbsthilfegruppe.

Mehr Information?

DTL: www.tinnitus-liga.de

Tinnitus Fakten: www.tinnitus-fakten.de

 

Was ist Tinnitus