Ich habe festgestellt, dass bei allen Veranstaltungen auf denen ich in letzter Zeit war, eine zeitraubende ausführliche Darstellung des Tinnitus vorgenommen aber auf die Behandlungs-möglichkeiten zu wenig eingegangen wurde.

Deshalb an dieser Stelle einige Anmerkungen.

Was tun, wenn ein Tinnitus bisher nicht ärztlich behandelt wurde?

1. Sofort einen HNO-Arzt aufsuchen. Dieser muss klären ob:

  • eine Erkrankung des Innenohres vorliegt
  • sonstige erkennbare Ursachen für den Tinnitus erkennbar sind, z.B. Hörsturz
  • eine Tinnitusakutbehandlung lt. Richtlinie HNO einleiten.
    (veröffentlicht: Deutscher Berufsverband der Hals-Nasen-Ohren-Ärzte e.V.)
  • 2. Ggf. andere Fachärzte hinzuziehen wie:
  • Orthopäde
  • Zahnarzt mit Fachrichtung Gnatologie
  • Neurologe/Psychologe
  • Welche Möglichkeiten und Aussichten haben Menschen mit chronischem Tinnitus?

    Dank vieler Interessenvertretungen der Tinnitusbetroffenen, und hier sei als Beispiel die Deutsche Tinnitus Liga angeführt, hat sich die medizinische Forschung in den letzten Jahren zunehmend mit Tinnitus beschäftigt. Vor einigen Jahren gelang es Prof. Langer/TU Darmstadt Gehirntätigkeiten bei Tinnitusbetroffenen nachzuweisen. Die daraus resultierende Schlußfolgerung, Tinnitus hat sich im Gehirn verfestigt und ist mit Phantomschmerzen gleichzusetzen, wurde von anderen Experten angezweifelt und mit Gegenargumenten widerlegt.

    In den USA und England wurde aber basierend auf Überlegungen den Tinnitus mit psychologischen Methoden zu beeinflussen, das neurologische Modell von den Prof. Jastreboff und Hazell entwickelt. Wir kennen dieses unter der Bezeichnung “Tinnitus Retrainings Therapie” kurz TRT.

    Die o.a. Streitigkeiten über den “Sitz” des Tinitus dürften seit dem vergangenem Jahr beseitigt sein.

    Dr. Richard J. Salvi von der Buffalo University veröffentlichte eine Untersuchung mit der zweifelsfrei nachgewiesen wurde, die Tinnitusverstärkung kommt aus dem Gehirn. (Hinweise findet man bei http://www.karger.ch/journals/aud/aud_jh.htm)

    Damit sind die Aussichten auf Minderung des Leidensdrucks für die Tinnitusbetroffenen erheblich gestiegen. Bis zur “Pille gegen Tinnitus” wird zwar noch viel Zeit vergehen aber sie ist nicht unmöglich. Denken wir dabei z.B. an Krankheiten wie Parkinson oder Alzheimer gegen welche es schon Medikamente gibt, die die Auswirkungen der Krankheiten erheblich mindern.

    Zur derzeitigen Situation:

Spezialkliniken können bei hoher psychischer Belastung helfen. Einziges dauerhaft wirksames Mittel gegen Tinnitus ist die ambulante TRT.

REHA-Maßnahmen in einer Klinik und was kann der Betroffene erwarten?

Bei sehr starkem Leidensdruck und erhöhter psychischer Belastung können Tinnituskliniken und Tinnitus-Fachabteilungen an Kliniken helfen. Als einzige reine Tinnitusklinik ist hier die Tinnitus-Klinik in Bad Arolsen zu nennen.

Überwiegend an psychosomatische Kliniken (z.T. auch orthopädische) angebunden sind die Tinnitus Fachabteilungen. Diese Kliniken sind über das ganze Bundesgebiet verteilt zu finden. Eine Klinikliste finden Sie unter www.tinnitus-fakten.de .

Diese Kliniken sind auf die Behandlung des chronischen Tinnitus spezialisiert und wenn wir die Forschungsergebnisse (Dr. Salvi) mit Ihren Behandlungsmethoden das Geschehen im Gehirn zu beeinflussen auch auf dem richtigen weg. In der klinischen Behandlung kann der Betroffene eine Minderung seines Leidensdrucks erreichen und Anleitungen für das weitere Verhalten und den Umgang mit Tinnitus erfahren.

Tinnitus Retrainings Therapie - aber richtig!

Leider haben all zu viele Menschen mitbekommen, mit Tinnitus ist Geld zu verdienen. So werden die unterschiedlichsten Behandlungen angeboten und gegen teures Geld verkauft - die Wirkung ist oft gleich Null.

Die Tinnitus Retrainings Therapie beruht darauf, das Gehirn dahingehend zu beeinflussen, dass das Tinnitusgeräusch nicht mehr verstärkt, also nicht mehr wahrgenommen wird. Dazu sind in erster Linie psychotherapeutische Behandlungen/Gespräche und Einweisungen in Entspannungsmethoden erforderlich. Hiebei kann z.B. die Unterstützung durch einen Physiotherapeuten sehr sinnvoll sein.

Eine sinnvolle TRT ist deshalb von einer guten Zusammenarbeit zwischen

  • · HNO-Arzt, welcher sicherstellt, dass keine Erkrankungen des Innenohrs vorliegen und der die Aufklärung des Betroffenen über Entstehung und Behandlung des Tinnitus vornimmt und die Koordination der an der TRT beteiligten Fachkräfte übernimmt.
  • · Psychologen/Psychotherapeuten, der die eigentliche TRT durchführt und
  • · ggf. weitere Fachkräfte wie Physiotherapeuten, Orthopäden, Grantologen etc.
  • Die Kosten für eine solche komplexe Behandlung werden von den Krankenkassen nicht übernommen weil sie in erster Linie nicht in das Abrechnungssystem der Kassenärztlichen-Vereinigung passt, nach der genau geregelt ist welche Leistungen die einzelnen Fachärzte abrechnen dürfen. Daher werden teilweise diese Behandlungen gegen Bezahlung angeboten.
    Wird diese aber durch den Patienten abgelehnt, begnügt man sich damit einen Noiser zu “verpassen”. Diese Geräte, die ein neutrales, so genanntes weißes Rauschen erzeugen, sind im Rahmen der o.a. komplexen TRT sehr sinnvoll. Allein, ohne begleitende Maßnahmen helfen sie meist nur dem Verkäufer und Provisionsempfängern dieser Geräte aber nicht dem Betroffenen.

Wie kann man aber die Behandlungen über die Krankenkassen erreichen?

Ganz einfach so wie es bei allen anderen Behandlungen üblich ist, man lässt sich zu dem für die jeweilige Behandlung zuständigen Facharzt überweisen. Im einzelnen bedeutet das nur, das der HNO-Arzt nur die Behandlungen durchführt, die er auch abrechnen kann für weiterführende Behandlungen überweist er an den Fachkollegen/in z.B. Psychologen usw.

Zum Schluss noch ein Wort zu den Tinnitus-Selbsthilfegruppen.

Selbsthilfegruppen sind schon lange aus dem Image “Jammervereine” zu sein heraus. In einer Zeit in der den Ärzten immer weniger Zeit für ausführliche Patientengespräche bleibt, übernehmen die Selbsthilfegruppen z.B. durch Fachvorträge einen großen Teil der Aufklärung über das Krankheitsbild.

Im Vordergrund der Selbsthilfearbeit steht aber der Erfahrungsaustausch und die Bereitschaft verständnisvoll die Sorgen und Nöte der andern Betroffenen anzuhören und zu verstehen.

Das heißt, in den Selbsthilfegruppen bekommt man:

  • Informationen
  • die Erfahrungen anderer
  • verständnisvolle Zuhörer und
  • erfährt man was man selbst tun kann
  • auch viel Abwechslung und Freude
  • Was man in der Selbsthilfegruppe nicht bekommt:
  • Patentrezepte
  • medizinischer Rat
  • Behandlungen und Therapien
    das überlassen wir den Fachleuten.


Kurt Helmbold
Tinnitus-Selbsthilfe-Gruppe
Bad Laer

 

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